Der 652er

30.10. bis / und 6.11.2010

Länge: offiziell 107 km, mit den zahlreichen Umwegen - länger!

Dauer: 5 Tage: 3 zu Pferde, 2 zu Fuß, ~ 20-30km/Tag

Verlauf:  1. Wochenende: Sois - Obergrafendorf - Bischofstetten-Abstecher - Greenhorn Hill-Abstecher - Luft

             2. Wochenende: Sois - Frankenfels - Höbarten - Luft

TeilnehmerInnen: Sabine mit Meadow - 3 Tage mit Begleitung: Barbara mit Ispán, Erni mit Archie, Gerhard L. mit Eika, Gerhard R.; 2 Tage solo

Wie wars: landschaftlich schön, gut beschildert, anstrengend, streckenweise zum Kopfschütteln, nicht ohne Blessuren ...

 

Warum als Pielachtalerin nicht mal schauen, was die Wanderwege vor der Haustüre hergeben. Mit dem Pferd soll es auf dem 652er, demPIELACHTALER RUNDWANDERWEG, in Richtung Obergrafendorf bzw. Höbarten gehen. Das ist von Beginn an ein gewagtes Projekt und dieses Wagnis wird gleich am ersten Tag als solches bestätigt. Hoffnungsvoll lege ich diese Tour in die kurze Zeitspanne zwischen Weidezaun-Niederlegung und erstem Schnee. Sie wird an 2 Wochenenden absolviert - geht am 30. Oktober 2010 los und endet am 6. November 2010.

 

Wochenende 1

Am ersten Tag wandere ich mehr als ich reite mit meiner Stute vom Großwinkel weg bis zum 652er. Da geht es erst mal den wildromantischen Hachgraben bergauf. Noch bin ich guter Dinge ... Es geht so dahin, Asphaltweg um Asphaltweg. Erst nach der Morigrabenstraße sind wir vom Asphalt befreit, es geht einen wunderschönen Weg steil bergauf bis zum Eckbauer. Meine liebe Verwandtschaft am Eck begrüßt mich herzlich und hilft mir, mit Zange und Hammer ausgestattet, beim ersten echten Hindernis: Stacheldraht und Schlurf. Nun muss ich allein weiterkommen und es wird bis zur Kaiserkogel-Hütte schwer. Erst kämpfe ich mit Elektrozaun und knöcheltiefem Gatsch und dann gibt es beim 652er auf der Geiseben kein Durchkommen: Übersteig. Wir machen einen Umweg den Berg hinunter zum Lechner-Straußen-Hof und die stark befahrene Geisebenstraße hinauf. Nach dem Schotterwerk geht es seeehr steil bergauf. Meadow und ich klettern! Sie ist ist super, jumpt ein paar Schritte und wartet dann auf dieses keuchende, kriechende, schwitzende Zweibeinerchen. Als wir oben sind, werden wir von einem brutalen Übersteig, umgeben von mehreren Schichten Stacheldraht, begrüßt. Nachdem ich es für meine Stute geöffnet und hinter uns wieder geschlossen habe, gibt es kein Zurück mehr. Es folgen aber noch 4 weitere Hindernisse. Eines davon ist harte Arbeit, aber weniger asozial: 3 Baumstämme zum Ein-/Aushängen werden von mir weggestemmt und wieder geschlossen. Meadow verletzt sich einmal, als ich ein Stacheldrahtmonster schließe, indem sie noch mal die Seite wechselt. Da es keinen Grund zu fliehen gibt und auch keine Panik herrscht, will sie wohl einfach wieder zu mir rüber, das treue Tier. Sie blutet an den Vorderbeinen, hat aber keine tiefe Wunde. Ich stelle sie ein zweites Mal drüben ab, rede mit ihr die ganze Zeit, sie steht da wie ein Fels und rührt sich nicht mehr: Schock oder Schmerzen. Wir gehen weiter. Am Kaiserkogel hol ich mir den Stempel und lasse mir die Wasserflasche füllen.Meadow bekommt Kraftfutter und bleibt, der Strick hat sich gelöst, alleine beim Haus stehen. Nun wirds kalt und ungemütlich. Wir haben zur Long View Ranch, die uns spontan - Danke! aufnimmt, aber noch ein ganzes Stück vor uns. Ich bin schon sehr entkräftet, kein Wunder: mehr als einen Apfel konnte ich während des Tages nicht runterbringen. Aber wir schaffen es - wieder mit Umweg, da mir eine Bäuerin unterhalb des Kaiserkogels abrät durch ihre Weide zu gehen ..., mit Einbruch der Dunkelheit zur Ranch. Dort ist Meadow erstmal zufrieden, in einer Herde zu sein. Ich schaue, dass ich endlich mal was esse.

Am zweiten Tag werden wir fürs Durchhalten belohnt: es geht für den Rest des Tages ohne Hindernisse weiter. In Hading eröffnen sich die ersten Äcker und mit ihnen die Weite. Wir treffen unvermittelt auf einen Rehbock. Schön, für diese Naturerlebnisse lohnt sich die Anstrengung des Wanderns. Einen Überstieg gibt es noch, aber ohne Zaun. Ich schicke Meadow alleine durch den Bach und gehe selbst über die kleine Brücke. Es ist schön, wenn das Pferd dann auf der anderen Seite auf einen wartet! Bei Willersdorf nehmen wir zur Pielachüberquerung eine Holzbogenbrücke, die klappert und vom Frost etwas rutschig ist. Auch hier kann ich mich auf Meadows Vertrauen verlassen. Bald darauf sind wir am äußersten NO-Zipfel des 652ers: Obergrafendorf. Zum Mittag treffen wir Barbara auf Ispán in Baumgarten. Sie ist auch schon den 2. Tag unterwegs und hat mit Ispán ein Abenteuer hinter sich: 2-maliger Aufbruch von Karlstetten, da Ispán daheimbleiben will. Barbara übernimmt sofort die Kartenarbeit, sie kennt die Gegend, hat die größere Wanderreit-Erfahrung und das bessere Kartenmaterial. Ich bin ihr sehr dankbar dafür. Es tut gut nach diesem ersten, harten Tag ein wenig loszulassen zu dürfen. Wir verlassen den 652er, um die Gegend zum Reiten auszunutzen. Einstweilen folgen wir dem Römerweg, dann kreisen wir rund um Bischofstetten. Wir sind dennoch schon am frühen Nachmittag fertig mit unserer Runde. Es gibt in der Äckerlandschaft schöne Galoppstrecken ... Unser spontaner Herbergsvater, Erich, hat 2 Boxen frei gemacht und hört sich geduldig unsere Instruktionen an. Wir fahren mit gemischten Gefühlen heim. Erstens haben wir noch urviel Zeit an diesem Tag und zweitens würden wir gerne manches, heute: die Verpflegung unserer Pferde, unter Kontrolle haben. Barbara kocht lecker auf, wir schlemmen mehrere Gänge und ich hole die versäumten Kalorien des vorigen Tages nach. Auch der fehlende Schlaf wird unter einer kuscheligen Decke nachgereicht. Da ist uns die Zeitumstellung mit +1h sehr recht.

Für den dritten Tag erwarte ich, ein erschöpftes Pferd unter mir zu haben, aber es kommt anders. Erich meint es gut mit Meadow und ich dann auch noch, im Glauben, dass sie wie ausgemacht kein fremdes Kraftfutter bekommen hat. Sie ist heiß wie ein Ferrari. Ich tröste mich damit, dass ich ein gutes Distanzreitpferd habe, und lasse sie bei der Steinleitner Alm mal bergauf rennen. Das nächste potentielle Galoppstreckerl, bei dem mir Barbara zuzwinkert, gehen wir aber im Schritt, da ich froh bin, dass sich mein Pferd heruntergedrosselt hat. Aber ein Galopperl muss an diesem Tag noch sein: Meadow und ich starten hinten und überholen mit angespanntem Zügel Ispán. Mein Sager, dass ich Meadow zurückgehalten habe, um ihre Kräfte bergauf einzuteilen, locken Barbara einen vielsagenden Grinser hervor. Naja, ich gebe zu, am Vortag ist sie mir wirklich einmal durchgegangen. Sie rennt halt so gern ...! Der Wetterbericht kündigte Fön an, wir aber frieren und jammern. Mit einem Mal, wir biegen bei Auf dem Kraut gerade um die Ecke, bläst uns ein warmer Wind ins Gesicht. Wir gehen fürs Foto noch mal ein paar Schritte zurück: wieder kalt. Irre Naturerscheinung. Bald erwarten uns 2 ReiterInnen aus Kirchberg: Erni und Gerhard sind uns kurz entschlossen entgegengeritten und wir machen gemeinsam einen Abstecher zum GreenHorn Hill. Dort werden wir gerade geduldet. Es ist aber auch schwer, mit den Pferden den Rasen unbeschadet zu lassen, zumal es noch immer keine Anbindestelle gibt - obwohl wir uns doch schon zu den Stammkunden zählen dürften. Also nach einem schnellen Kaffee zurück zum 652er Richtung Wetterlucke, Luft und über einen super Geheimwege-Tipp von Erni direktissima runter nach Schwerbach. Meadow ist zufrieden nach 3 Tagen wieder daheim zu sein. Ispán lässt sich ohne Faxen verladen und damit sind für den heutigen Tag alle glücklich: Bilanz positiv.

 

Exkurs:

"Wir schauen aufs Ganze" prangt riesengroß an einer bekannten Stallmauer. Was dieses Ganze sein soll, erkennt man bald: das ganz eigene Grundstück. Einige Höfe sind umgeben von Weidezaun und Stacheldraht und ermöglichen kein Durchkommen. Dass man in Ställen dann auch "Gott schütze Vieh, Hof und Mensch" einmauern lässt, sollte eigentlich zu denken geben. Wenn das Vieh schon an erster Stelle steht, so schaut doch bitte darauf, dass dieses den Menschen auf Wanderschaft ohne Gefahr begleiten kann. Wie sollte denn bei all den Übersteigen Hund, Lama oder Pferd unbeschadet den Weg passieren. Diese Stacheldrahtfestungen, die in ihrem streckenweise morschen und rostigen Zustand keine Wildschweine aufhalten werden, sind bestimmt nicht gottgewollt. Gäbe es - auf einem offiziellen Wanderweg - neben einem Übersteig oder schmalem Schlurf ein Tor oder zumindest einen normalen Draht zum Aus-/Einhängen, dann wäre viel eher aufs Ganze geschaut. Weshalb sich ein Tier hier unnötig verletzen muss, das bitte erklärt den Menschen, die keine Bauern sind und in ihrer Freizeit dennoch Mensch, Tier und Natur als Einheit erfahren wollen. Was eine tolerantere Einstellung für die Entwicklung des Tourismus im Tal bedeuten könnte, das überlasse ich den Meistern. Gerade in Kirchberg und Tradigist Umgebung war die Situation besonders krass: rund um Großeck und Geißeben.

 

Wochenende 2

Am ersten Tag bekomme ich auch wieder spontan Begleitung: Gerhard R. kommt mit. Das ist wirklich ein Segen, denn zu zweit kann man auch mal zwischendurch jammern und außerdem Jause teilen. Das habe ich an dem Tag auch nötig, ich selbst habe zu wenig mit, es ist sehr warm und es geht in Schwarzenbach steil bergauf. Da dreht es mich ein paar Mal ganz schön. Auch hier begegnen uns Übersteige und Stacheldraht. Ich bin froh, Meadow sicher im Stall zu wissen. Der Taschlgraben schafft mich auch noch enorm und ich schnecke dahin. Gerhard hat genug Puste, um auch bei den steilsten Stellen zu plaudern und Naturkundeführer zu sein. Wir kommen am Steinschaler Dörfl vorbei und wundern uns nur ... Schon wieder ist für ein neues Thema gesorgt. Über den Redtenbachgraben in Frankenfels angekommen, laufe ich mal meinen Stempel holen und dann schnurstracks zum Supermarkt.

Am zweiten Tag muss ich alleine zurechtkommen. Das 652er-Projekt ist für Überraschungen gut und siehe da, ich sitze in der Mariazeller Bahn. Der Lokführer ist nett und ich starte in aller Frühe in Frankenfels durch. Im wahrsten Sinne des Wortes läuft der Motor an und hört nach 7h erst wieder auf zu rennen. Da mir im Laufe dieser Gewalttour die Muskeln zu schmerzen beginnen, ist es für mich besser einfach weiterzugehen. Erst mal mache ich einen unfreiwilligen Umweg zum Bergbauernmuseum: Asphalt - es hätte auch einen kürzeren Karrenweg gegeben. Da ich diesen Platz als Reitziel kenne, bin ich nicht schlecht über das unnötige Reitverbotsschild Richtung Leiten überrascht. Der Weg wäre problemlos zu reiten und hat statt der Übersteige Tore aufzuweisen. Die größte Freude an diesem Tag macht mir das Wetter, es sieht zunächst sehr schwarz am Himmel aus, in Höbarten - am äußersten W-Zipfel - wagt sich zaghaft die Sonne heraus. Ich komme zu einem Ort, der seinen Namen verdient: Himmel. Auf der einen Seite sieht man die hügelige Voralpenlandschaft, auf der anderen Seite in die Ebene. Wow! Gerne würde ich pausieren, aber der Wind, die Kälte und meine Beine treiben mich weiter. Beim Weg rund um den Statzberg denke ich zum ersten Mal an die Wölfe, die gerade in NÖ unterwegs sind, und an Gerhards Schilderungen, wie er mit scharfen Hunden zurechtgekommen ist. Es bleibt mir eh nichts anders übrig als weiterzugehen. Am Habetsbergmarterl stoße ich auf die zweite große Überraschung: ein Reitweg. Ach ja, da gab es doch mal Geld vom Land ... und ich befinde mich oberhalb der Spiellaube. Die Motivation kann ich brauchen, denn es geht nun den Walzberg sehr steil bergauf zur Grüntalkogelhütte. Dauernd denke ich mit, ob dieser Weg reitbar wäre, weil sich das als fantastische Runde anbieten würde. Aber leider nein, man bräuchte dafür ein Gebirgspony. Nach dem Schwabeckkreuz schleppe ich mich mühsam weiter, verfluche die Übersteige und Stacheldrahtmonstrositäten rund um Bichlberg und Großeck und habe nur mehr die Luft vor Augen. Angekommen. Stempel geholt. Fertig. Ich rufe daheim an, um abgeholt zu werden. Nur leider ist aufgrund der Muskelschmerzen an ein ruhendes Warten nicht zu denken, also gehe ich meinem Taxi die Serpentinen bergab entgegen - und so komme ich an diesem Tag auf 30km.

 

Mit herzlichem Dank an alle spontanen UnterstützerInnen, HerbergsgeberInnen, Taxis und Pferdetransporterverleiher. Gerne bekommen alle ReitkollegInnen Auskunft, wo es sich reiten lässt. Mein zerflederter Plan ist nur leider durchzogen von Kreuzen. Rundreiten lässt sich der 652er derzeit nicht!

 

Auf ein gutes Reitjahr 2011!!

 

Bericht von Sabine Brenner